Ich brauche keinen Schal (mit Podcast)

Weils das schon ganz lang nicht mehr gab: weiter unten das Ganze auch als Podcast

Ich gebe es zu: Ich verdiene nicht genug, um das Angebot meiner Mutter "mir mal was zum Anziehen zu kaufen" auszuschlagen.
Das zwischen dem "was" und dem "zum" mitschwingende "anständiges" beschließe ich nicht zu hören - ich habe mittlerweile gemerkt, dass es völlig egal ist, was ich anhabe - anständig wird es nie sein.

"Komm doch Freitag zum Frühstück vorbei, dann gehen wir einkaufen."
Ohje. Frühstück auch noch.

Das Frühstück verläuft relativ ereignislos - wir streiten uns ein bisschen, ich wechsle zu einem Thema wo ich nur ab und zu ein "aha?" oder ein "hmmm" einstreuen muss und zu guter Letzt werden mir die zu Tode gephotoshoppten und generell etwas faden Fotos der letzten Reise präsentiert. Zwischen den Fotos ("...und das war der Balkon von unserem Zimmer", "...und hier sitzen wir im Restaurant") wird immer wieder darauf hingewiesen, dass es zuhause nicht nur am schönsten, sondern überall sonst besonders blöd ist.
"Und nur alte Leute da!" Jaja....

Im ersten Geschäft rennt meine Mutter zielstrebig auf einen Ständer mit Schals zu. "So einen! Schön bunt! Hast du überhaupt genug Schals!"
"Ja, Mama, ich habe genug Schals. Nein, Mama, ich brauche keinen Schal."
"Na aber das sind ja keine vernünftigen - du brauchst was kräftiges, was buntes, dann siehst du auch nicht immer so ausgespuckt aus."
"Danke, Mama."

Irgendwie schaffe ich es, sie in Richtung essentiellerer Kleidungsstücke zu bewegen. Auf dem Weg dahin zeigt sie mir immer wieder lautstark Dinge, die sie besonders furchtbar findet. Auch, wenn sie von anderen Kunden getragen werden.
Ich kenne diese Frau nicht.

Die Hosenabteilung. Meine Mutter geht forschen Schrittes auf eine Verkäuferin zu "Grüßgott! Sie wissen sicher, was für eine Größe er hat."
"Mama, ich weiß meine Größe. 34/30."
Die Verkäuferin hat sich von ihrem Schreck erholt, lächelt mich dankbar an und murmelt etwas von "Ja, so ungefähr....".
Das bekommt meine Mutter allerdings schon nicht mehr mit - sie zieht zwei Hosen aus dem Regal und drückt sie mir in die Hand. "Hier, probier die mal!"
Toll. Diese Farbe, so jugendlich.
Ich stelle in der Kabine fest, dass mir bei der ersten Hose der Arsch auf Höhe der Kniekehlen hängt und komme mit einem skeptischem Blick raus.
Meine Mutter hat sich, während ich mich umgezogen habe, geklont. Oder zumindest eine Verkäuferin gefunden, die nicht nur in etwa gleich alt ist, sondern auch den exakt gleichen Geschmack hat. Von zwei Seiten schallt es "Also, die steht Ihnen wunderbar!" "Dreh dich noch mal um! Nicht so schnell!" "Und die Länge passt auch! Sie sind ja so schön schlank!" Schleimerin. "Die kannst du auch im Büro anziehen!" Unter dem freudig-hysterischen Gezeter der beiden Seelenverwandten verziehe ich mich wieder in die Kabine.
Als ich wieder rauskomme, sind die beiden gerade in ein Gespräch vertieft, von dem ich nur den Satz "Meinem Mann habe ich neulich auch so eine Hose gekauft" mitbekomme. Neben ihnen steht inzwischen ein zweiter Verkäufer, der mir anbietet, die Hose eine Nummer größer zu probieren.
"Nein, das brauchen wir nicht, oder! Die erste sah doch toll aus!" Die Verkäuferin stimmt mit ein, ich habe keine Lust mehr. Ja, nehmen wir die.

Der Verkäufer wird mir übrigens wenige Stunden später sehr behilflich dabei sein, die Hose unter Frau Idorus Anleitung umzutauschen.

"Oh, schau mal - Schals! Wie gefällt dir der!"
"Ich habe genug Schals. Ich habe auch 'vernünftige' Schals. Ich will keinen Schal."
"...und was ist mit diesem hier! So geringelt! Der ist auch schön lang!"
"Ich habe genug Schals. Ich habe auch 'vernünftige' Schals. Ich will keinen Schal."
"Wie findest du dieses Hemd?"
"Ich habe genug Schals. Ich..." Hat sie "Hemd" gesagt? Ich liebe Hemden - Hemden sind toll!
"Das passt auch zur Hose!" Ja, das glaub ich.

Ich probiere eine Jacke an. Eine sehr schöne, wie ich finde. Meine Mutter krempelt mir den rechten Ärmen hoch. Meine Mutter krempelt mir den linken Ärmel hoch, ich krempel den rechten wieder runter. Meine Mutter krempelt mir den rechten Ärmel wieder hoch, ich krempel den linken wieder runter.
Das macht sie übrigens auch bei Pullovern, Westen und kurzärmeligen Sachen. Hoffentlich schaut niemand.
"Die Jacke ist schön", finde ich.
"Brauchst du denn eine Jacke!"
"Eigentlich nicht, aber die ist schön."
"Was für Jacken hast du denn!"
Ich zähle artig meine Jacken auf. Keine "anständige" dabei.
"Aber die hier ist zu kurz! In so kurzen Jacken siehst du ganz blöd aus!"
Danke. "Die ist lang genug. Ich zieh ja kein Sakko drunter."
Ich sehe Entsetzen in ihren Augen. "Wie willst du denn dann ins Büro gehen!"
"Zu Fuß."
Wir streiten uns eine Weile lang darum, was es heißt, wenn die Personalabteilung einer Firma sagt, dass es "keinen Dresscode gibt" und dass alle "eher sportlich gekleidet sind". Wir einigen uns darauf, dass ich aber gerne auch im Anzug zur Arbeit gehen darf, wenn ich das möchte.

"Guck mal, dieser Schal - wie gefällt dir der!"
"Ich habe genug Schals. Ich habe auch ... Der ist hässlich."

Ab da geht alles ganz schnell.
Wir gehen zur Kasse. Meine Mutter macht gut hörbare, bissige Kommentare über das Kassensystem. Dann über die Kassiererin. Dann über die Dame, die meine Sachen einpackt. Dann über die Serviererin im Café. Dann über die Passanten. Dann über den Busfahrer.
Meine Mutter vergisst, auszusteigen und schiebt es auf eine Baustelle. Dann macht sie gut hörbare, bissige Kommentare darüber, wie weit die nächste Haltestelle weg ist, was - so entnehme ich ihrem Tonfall - ein persönlicher Affront gegen sie ist.

Ich begleite sie noch ein paar Straßen erwähne, dass ich nicht verstehe warum sich alle wegen Halloween so aufgeregt haben.
Meine Mutter stimmt mir zu. "Ja, furchtbar! Gestern auch! Die ganzen Kinder laufen da so rum!"
"Na sollen sie doch. Wenn sie Spaß haben. Ich verstehe nicht, warum das jemanden stören könnte.
"Ja, mich stört das ja auch nicht!"
Abschließend stellt meine Mutter fest, dass alle Österreicher blöd sind.



Ein paar Stunden später sitze ich mit Frau Idoru im Bus und sage "Meine Eltern dürfen unsere Hochzeitsfotos niemals zu Gesicht bekommen."
Frau Idoru wundert sich. "Warum?"
"Weil sie dann sehen, dass deine Eltern eingeladen waren."


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